Vietnams Bekleidungsindustrie unter Modernisierungsdruck

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Digitalisierung der Produktion rückt in den Vordergrund / Von Frauke Schmitz-Bauerdick - GTAI (Germany Trade And Invest) 24.12.19

Hanoi (GTAI) - Steigende Löhne und Freihandelsabkommen stellen Vietnams Textil- und Bekleidungssektor vor Herausforderungen. Investitionen in die Modernisierung der Produktion stehen an.

Vietnam hat sich im internationalen Bekleidungsgeschäft als feste Größe etabliert. Im Jahr 2018 war das Land hinter China und Bangladesch drittgrößter Bekleidungsexporteur der Welt. Prognosen des Handelshauses Illies zufolge könnte Vietnam 2019 sogar an Bangladesch vorbeiziehen und auf Rang zwei der Welt vorrücken.

Branche blickt trotz guter Zahlen verhalten in die Zukunft

Textil und Bekleidung ist - nach Mobiltelefonen - Vietnams zweitwichtigster Exportartikel. Die Branchenexporte zogen in den ersten zehn Monaten 2019 mit 9,6 Prozent kräftig an und erreichten einen Exportwert von gut 32 Milliarden US$. Wichtigster Exportmarkt sind die USA, gefolgt von der EU, Japan, Südkorea und China. Die andauernden Handelsauseinandersetzungen zwischen China und den USA führen dazu, dass Modefirmen ihr Sourcing diversifizieren und aus China herausverlagern.

Branchenanalysten wie Mordor Intelligence erwarten zwischen 2018 und 2023 ein jährliches aggregiertes Umsatzwachstum von 10,8 Prozent, Statista geht von 8,8 Prozent zwischen 2019 und 2023 aus. Trotz der guten Zahlen steht die Gesamtbranche unter Druck. Das angepeilte Exportziel von 40 Milliarden US-Dollar (US$) im Jahr 2019 dürfte laut Branchenverband VITAS verfehlt werden. Zudem berichten Branchenunternehmen von einer im Vergleich zum Vorjahr schwierigeren Auftragslage.

Freihandelsabkommen zwingen die Branche zur vertieften Wertschöpfung

Der Großteil der vietnamesischen lokalen und ausländisch investierten Bekleidungsindustrie arbeitet technologisch und Know-how-bezogen noch auf einem verhältnismäßig niedrigen Niveau und beschränkt sich weitestgehend auf Auftragsnäharbeiten. Sowohl in den Vorstufen (Herstellung/Einkauf von Garnen, Stoffen und Accessoires oder Design von Bekleidung), als auch bei Marketing und Vertrieb fertiger Produkte können die Branchenunternehmen des Landes international noch wenig mithalten.

Doch sind Kompetenzen in der Garn- und Stoffherstellung dringend erforderlich, will Vietnam bei Bekleidungsexporten von den Zollpräferenzen moderner Handelsabkommen profitieren. So fordern sowohl das seit Januar 2019 Anwendung findende Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership (CPTPP) als auch das voraussichtlich 2020 in Kraft tretende EU-Vietnam Free Trade Agreement eine vertiefte Wertschöpfung bei der Bekleidungsherstellung. Insbesondere die Eigenproduktion von Garnen und Stoffen muss ausgebaut werden, sollen Produkte "Made in Vietnam" von Zollabsenkungen profitieren können.

Strikte Compliance-Vorgaben für Bekleidungsunternehmen

Die Branche steht auch noch anderweitig unter Druck. Internationale Fast-Fashion-Modekonzerne, die in Vietnam für internationale Märkte wie die USA oder Europa nähen lassen, bringen immer schneller neue Produktlinien auf den Markt. Von ihren Zulieferern verlangen sie immer kürzere Lieferzeiten. Um mithalten zu können, sind die lokalen Nähereien gezwungen, in eine höhere Produktivität zu investieren. Vor allem die Digitalisierung der Produktion entwickelt sich bei ausländisch investierten und lokalen Bekleidungsherstellern zum Trend.

Zudem stellen gerade international renommierte Modefirmen immer größere Ansprüche an die Nachhaltigkeit des Herstellungsprozesses. Eine umweltverträgliche Produktion und die Einhaltung von Arbeitnehmerrechten sind nicht mehr nur Schlagworte. Unternehmen, die für die Größen der internationalen Modebranche produzieren, unterliegen strengen Complianceanforderungen, die regelmäßig und akribisch kontrolliert werden, so ein Vertreter der Seidensticker-Fertigung in der nördlich von Hanoi gelegenen Provinz Hai Duong.

Regierung hält sich bei der Umsetzung von Entwicklungsplänen zurück

Zwar hat die vietnamesische Regierung ambitionierte Entwicklungspläne. So sollen laut dem Textilentwicklungsplan bis 2030 unter anderem Textilcluster aufgebaut werden und die Produktion vor allem in ländlichen, bislang weniger entwickelten Gegenden gefördert werden. Umgesetzt wird hiervon wenig. Gerade im Bereich der Stoffherstellung, eigentlich ein wesentliches Element zur Vertiefung der Wertschöpfungskette, tun sich Lokalregierungen mit Genehmigungen neuer Projekte schwer. Ein Grund ist sicherlich die Angst vor Umweltbeeinträchtigungen durch potenziell umweltgefährdende und wasserintensive Prozesse wie Färben und Stoffaufbereitung.

Darüber hinaus haben Brancheninsider den Eindruck, dass sich die Regierung nur eingeschränkt für die klassische Textil- und Bekleidungsindustrie interessiert. So arbeitet die Führung des Landes zurzeit eher darauf hin, das bislang auf arbeitsintensiver Produktion beruhende Wachstumsmodell auf ein wissens- und kapitalbasiertes Modell umzustellen. Für die Textil- und Bekleidungsindustrie, wie sie bislang produziert, ist in diesem Szenario nur wenig Raum.

Digitalisierung der Produktion wird zum Branchentrend

Erste Unternehmen beginnen in die Modernisierung der Herstellungsprozesse, besonders die Digitalisierung der Produktion, zu investieren. Innovative Firmen, zumeist ausländisch investierte, sind hier seit Jahren Vorreiter, so Christoph Peters vom Handelshaus Illies. Lokale Unternehmen aber ziehen merklich nach und fragen aktiv nach digitalen Lösungen. Gerade die digitale Produktions-, Effizienz- und Qualitätsüberwachung rückt nach den Beobachtungen von Peters in den Vordergrund.

Der Trend zur Automatisierung insbesondere der Bekleidungsindustrie hingegen hat noch wenig Fuß gefasst. Brancheninsider gehen davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren kaum mit einer tiefgreifenden Automatisierung der Branche zu rechnen ist. So sei es aufgrund der stofflichen Eigenschaften von Bekleidung bislang noch kaum möglich, Handarbeit im Nähprozess vollständig zu ersetzen, so ein Unternehmensvertreter von Van Laack.

Wenn automatisierte Prozesse in den kommenden Jahren in Nähereien zum Tragen kämen, dürfte dies am ehesten bei den Vorstufen des Nähprozesses (wie Zuschnitt) oder den der Herstellung des Kleidungsstückes nachgelagerten Prozessen (Verpackung und Vorbereitung für den Versand) der Fall sein.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Vietnam können Sie unter http://www.gtai.de/vietnam abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.