Indische Textilfabriken und Spinnereien stecken im Krisenmodus

Shutterstock

Die indische Textilbranche hat gleich an mehreren Fronten zu kämpfen: Die Nachfrage in Europa und den USA ist eingebrochen, und die Produktion steht noch in vielen Fabriken still.

Von Boris Alex | New Delhi I GTAI

Die Hersteller von Textilien und Bekleidung zählen zu den am stärksten von der Coronakrise betroffenen Unternehmen Indiens. Wenige Branchen sind so stark in die globalen Lieferketten eingebunden. Viele Vorprodukte stammen aus China und Südostasien und ein beträchtlicher Teil der Textilien und Konfektionsware geht in den Export. Sowohl die Produktion als auch der Absatz sind in beiden Segmenten wegen der Coronapandemie eingebrochen.

Bereits im März verzeichnete die Fertigung von Textilien gemessen am Index der Industrieproduktion ein Minus von 16 Prozent und von Bekleidung von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Nachdem die Regierung am 25. März 2020 einen landesweiten Lockdown verhängt hatte, mussten die meisten Fabriken den gesamten April und zum Teil auch noch im Mai ihre Tore schließen. Ausgenommen waren Firmen, die Schutzbekleidung sowie technische Textilien für medizinische Anwendungen und für den Infrastrukturbau herstellen. In den beiden Monaten des Lockdowns dürfte die Produktion von Bekleidung um 80 bis 90 Prozent eingebrochen sein, so die Einschätzung der Clothing Manufacturers Association of India (CMAI).

Internationale Bekleidungsketten stornieren Aufträge

Der Absatz von Bekleidung ist auch auf dem Inlandsmarkt in der Zeit zum Erliegen gekommen, da der Einzelhandel bis auf Güter zur Deckung des Grundbedarfs schließen musste. Auch ein Onlineverkauf war während des Lockdowns nicht erlaubt. Schon zuvor war die Nachfrage auf den wichtigsten Absatzmärkten USA und Europa, die rund zwei Drittel der indischen Exporte abnehmen, eingebrochen. Da die führenden internationalen Bekleidungsketten nicht mit einer raschen Erholung der Nachfrage rechnen, wurden Aufträge in Milliardenhöhe storniert.

Bereits im März 2020 waren die Bekleidungsexporte um 35 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zurückgegangen und im April - dem ersten Monat vollständig im Lockdown - dann um 91 Prozent, schätzt CRISIL Research. Für das laufende Finanzjahr 2020/21 (1. April bis 31. März) erwartet der indische Marktforscher ein Minus bei den Ausfuhren von 30 bis 35 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode.

Kleine und mittlere Unternehmen bangen um Existenz

Dadurch sind viele indische Textil- und Bekleidungshersteller in Liquiditätsengpässe geraten, die insbesondere für kleine und mittelständische Firmen existenzbedrohend sind. Die Textile Association of India befürchtet, dass 30 bis 40 Prozent aller Branchenunternehmen in diesem Segment vom Markt verschwinden könnten. Zwar hat Indien ein Hilfspaket für diese Micro Small and Medium Enterprises (MSME) aufgelegt, der Textilverband kritisiert aber, dass die Unterstützung für viele Betriebe zu spät komme und die Auszahlung der Gelder zu bürokratisch sei.

Aber auch für die großen Hersteller bleibt die Situation angespannt. Zwar können sie nach einer Lockerung der Ausgangssperre seit Mitte Mai wieder die Produktion hochfahren. Doch das ist in vielen Fällen mit einem großen Aufwand und hohen Kosten verbunden. Da die Herstellung von Textilien und Bekleidung eine durchlaufende Produktion ist, müssen nach einem fast zweimonatigen Stillstand nun viele Maschinen neu kalibriert werden. Die CMAI schätzt, dass zurzeit nur jede dritte Fabrik wieder produziert und die Auslastung dort im Schnitt bei nur 25 Prozent liegt.

Arbeitskräftemangel stellt Betriebe vor Herausforderungen

Eine Rückkehr zum Vorkrisenniveau bei der Produktion ist frühestens für 2021 zu erwarten, vorausgesetzt, die Kauflust auf dem Heimatmarkt aber vor allem in Europa und den USA zieht wieder deutlich an. Allerdings gibt es dafür bislang keine Anzeichen. Die Hersteller haben darüber hinaus noch mit dem Arbeitskräftemangel zu kämpfen. In Folge des Lockdown hatten sich hunderttausende Arbeiter auf den Weg in ihre Heimat gemacht. Hiervon war die Textilbranche besonders betroffen. Die im Zuge der Ausgangssperre zusammengebrochene Warenlogistik ist hingegen inzwischen wieder angelaufen.

Doch nicht nur für die Produzenten von Textilien und Bekleidung, sondern auch für die in der Wertschöpfungskette vorgelagerten Unternehmen sind die Aussichten finster. Da die Nachfrage nach Garnen im In- und im Ausland zurückgegangen ist, geraten auch die indischen Spinnereien unter Druck. Den Herstellern drohen im Finanzjahr 2020/21 Umsatzeinbußen zwischen 2,5 Milliarden und 3 Milliarden US-Dollar (US$), schätzt das Analyseinstitut ICRA Research.

Auch Export von Garnen stark rückläufig

Die Branche setzt normalerweise pro Jahr zwischen 15 Milliarden und 17 Milliarden US$ um. Davon verbleiben knapp drei Viertel auf dem heimischen Markt , der Rest geht in den Export. Die wichtigsten Abnehmer sind China mit einem Ausfuhranteil von 31 Prozent im Finanzjahr 2018/19, Bangladesch (18 Prozent) und Ägypten (6 Prozent).

Die bangladeschische Textilindustrie steckt nach einem mehrwöchigen Lockdown in ähnlich großen Schwierigkeiten wie die indische. Auch dort ist die Nachfrage aus den wichtigsten Absatzmärkten Europa und USA eingebrochen. Inzwischen wurden Aufträge im Wert von 3,5 Milliarden US$ storniert oder zurückgestellt, was auch die Nachfrage nach Garnen aus Indien belastet. In China ist die Textil- und Bekleidungsproduktion zwar wieder angelaufen, aber die indischen Spinnereien befürchten, dass die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Spannungen zwischen beiden Ländern negative Auswirkungen auf die Nachfrage nach Garnen haben könnte.